Blattschneiderameisen – die mit dem grünen Daumen

Züchtet für ihr Leben gern Pilze: die Blattschneiderameise (Gattungen Atta und Acromyrmex)

Dürfen wir vorstellen: die Blattschneiderameise. Ein kleines Tier mit unglaublichen Fähigkeiten. Als Blattschneiderameise bezeichnet man Ameisenarten, die mit ihren Mundwerkzeugen Pflanzenblätter in kleine Stückchen zerteilen und sie in ihren Bau transportieren. Im Staate der Blattschneiderameisen (Gattungen Atta und Acromyrmex), die im subtropischen Amerika zuhause sind, herrscht emsige Betriebsamkeit und strikte Arbeitsteilung. Es gibt für die Fortpflanzung zuständige „Geschlechtstiere“ und Arbeiter – darunter Wächter, Kundschafter, Blattschneider, Transporteure, Leibwächter, Müllbeauftragte und Pilzpfleger. … Pilzpfleger?
Ende des 19. Jahrhunderts erkannten Forscher, dass Blattschneiderameisen erfahrene Pilzzüchter sind. Die gesammelten Blattstückchen dienen ihnen nämlich nicht als Nahrung, wie zuerst angenommen. Statt dessen werden die Blätter zerschnitten und zu einem Nahrungsbrei zerkaut. Auf diesem Brei wächst ein Pilz, der Egerlingschirmling (Leucoagaricus). Er bildet das schwammähnliche Nest, in dessen Gängen und Hohlräumen die Ameisen leben und ihre Brut aufziehen. Das Pilznest wird intensiv gepflegt. Die Ameisen verhindern z. B. die Bildung von Pilzfruchtkörpern. Stattdessen erzeugt der Pilz knollenartige, eiweißreiche Verdickungen, sogenannte Gongylidien, mit denen vor allem die Ameisen-Larven gepäppelt werden.
Blattschneider – so klein wie sie sind – können in den Plantagen ihrer Heimat großen Schaden anrichten. Eine größere Kolonie kann mehrere Tonnen Laub pro Jahr schneiden. Im natürlichen Lebensraum jedoch sind sie ein wichtiges Glied im Ökosystem: Ihre Nestbauarbeiten durchlüften den Boden, ihre Abfälle enthalten wertvolle Nährstoffe und durch die beschnittenen Bäume fällt Licht auf zuvor schattige Bereiche.
Auch im Aquazoo werden Blattschneiderameisen gehalten und liebevoll gepflegt. Auch wenn sie wegen der Sanierungen derzeit kein Besucher beobachten kann, geht das Leben im Staate der Ameisen seinen Gang. Den Tieren stehen in ihrer natürlichen Umgebung eine Vielzahl an Pflanzen zur Verfügung, die es hier nicht gibt. Daher bereichern die Tierpfleger den Speiseplan mit Obst und Haferflocken.
Übrigens: Zu den Fressfeinden der Blattschneiderameisen zählen Ameisenbären, Gürteltiere, Eidechsen und Vögel. Aber auch der Mensch: In Mexiko und Kolumbien werden gebratene Blattschneiderameisen als kulinarische Spezialität verspeist. Das Gericht gilt als Aphrodisiakum.

Input: Dieter Schulten, Dr. Silke Stoll