Menschen im Aquazoo: heute Dr. Andreas Scharbert und das Maifisch-Projekt

(oben:) Dr. Andreas Scharbert, Koordinator des Maifisch-Projekts, (u. l.:) Historischer Maifischmarkt in Düsseldorf, (u.r.:) Flussdelta in Frankreich, Lebensraum für die Maifische (Quellen: http://www.lanuv.nrw.de/alosa-alosa/de/maifisch/index.html)

Herr Dr. Scharbert, Sie sind promovierter Biologe und Kordinator des Maifisch Wiederansiedelungs-Projekts. Bitte erzählen Sie uns alles über den Maifisch. Was charakterisiert ihn?
Der Maifisch (Alosa alosa) ist eine Wanderfischart und zählt zu den Heringsartigen. Er ernährt sich von Plankton und kleinen Garnelen. Im Frühjahr wandern die Maifische viele hundert Kilometer vom Meer die Flüsse hinauf, um sich im Mai an überströmten Kiesbänken fortzupflanzen. Bei dauerhaft hohen Wassertemperaturen von 15 bis 16 Grad beginnen die Fische mit dem Laichen. Dann gibt es genügend Nahrung und keine Hochwässer mehr. Das Laichverhalten des Maifisches ist weithin hörbar: sein Laichspiel macht sich durch lautes Schlagen mit der Schwanzoberfläche aufs Wasser bemerkbar, das klingt, wie es Leonard Baldner 1666 in seinem „Vogel-, Fisch- und Tierbuch“ beschreibt, ”als wäre eine Herde Schweine im Wasser“ (hier zu sehen: http://www.lanuv.nrw.de/alosa-alosa-2011/includes/film/Bulls%20ALA%20MIGADO.wmv).
Nach nur vier Tagen schlüpfen die jungen Maifische. Nach einigen Monaten wandern sie zurück ins Meer und der Lebenszyklus beginnt von Neuem. Mindestens einmal im Leben zeugt der Maifisch auf diese Art Nachkommen. Man schätzt, dass ein Maifisch ca. 600.000 Eier legt, jedoch schlüpfen nur aus etwa 10 % der Eier Larven. Von diesen wiederum sterben viele in den ersten Tagen und Wochen. Der Maifisch ist sehr gefährdet: wie alle Wanderfische teilt er seine Lebenswelt zwischen Süß- und Salzwasser auf – daher ist er grundsätzlich schon besonders empfindlich. Im Zuge der Wanderung muss er zudem viele Nadelöhre und Hindernisse durchschwimmen und kann leicht gefangen werden oder ums Leben kommen.
Noch vor 150 Jahren lebten zahlreiche Maifische im Rhein, dann nahm die Population dramatisch ab. Was ist passiert?
Ja, früher waren es einige Millionen Maifische, die zwischen März und Juni von der Nordsee aus durch Maas, Rhein, Mosel, Main und Neckar stromaufwärts wanderten, um zu laichen. Damals haben auch die Menschen in unserer Region den Maifisch gefangen und gegessen, er kam in Massen vor. Er war der Fisch der Fischer und einfachen Leute und wurde in jedem Brauhaus angeboten. Binnen weniger Jahre (zwischen 1880 und 1910) war dann der Rhein überfischt, denn die Bevölkerung stieg stark an. Zudem wurde die Schifffahrt intensiviert und die Kiesbänke wurden ausgebaggert. Stauwehre in den Flüssen erschwerten die Laichwanderung zusätzlich. Die späte Industrialisierung verschlechterte die Wasserqualität. Dies alles führte zu einem dramatischen Rückgang der Maifisch-Population.
Im Rhein will man den Maifisch wieder ansiedeln. Wie gelingt das?
Durch das erfolgreiche Projekt „Lachs 2000“, das zum Ziel hatte, den Lachs bis zum Jahre 2000 wieder im Rhein heimisch zu machen, kamen wir auf die Idee, auch andere Wanderfischarten wie den Maifisch durch eigenen Besatz wieder anzusiedeln. Wir kooperierten dabei mit den französischen Kollegen. Es gab einen Spender-Bestand an Maifischen in den Flüssen Garonne und Dordogne in Frankreich. Im Gironde-Ästuar, in welches die beiden Flüsse münden, ist das Wasser trüb und planktonreich. In dieser Durchmischungszone von Süß- und Salzwasser passt sich der Maifisch ans Süßwasser an und der Jungfisch umgekehrt ans Salzwasser. Noch im Jahr 2003 gab es im Gironde-Delta mehrere Hunderttausend Maifische, danach ging der Bestand dramatisch zurück. Man startete also 2008 in einer eigens entwickelten Zuchtanlage einen ersten Versuch, die Fische künstlich zu vermehren, indem man sie selbständig ablaichen ließ. Dazu injizierte man ein Hormon in die Fische. Die Eier wurden dann in Erbrütungsgläser gegeben, markiert und nach wenigen Tagen in den Seitengewässern des Rheins ausgesetzt. Von rund 40 Elternfischen erhielten wir etwa 1 Million Larven.
Was gibt es für Fortschritte?
Im Jahr 2008 wurden Maifischlarven erfolgreich im Rhein ausgewildert und die Basis für eine Population begründet. Im Jahr 2010 wurden erstmals Maifische im Beifang an der niederländischen Grenze bei Kalkar gefunden. Wir konnten nachweisen, dass die Fische aus den Besatzmaßnahmen stammen und gewannen daraus wichtige Erkenntnisse. Zum Beispiel: die Larven überleben im Rhein und wachsen zu Jungfischen heran – trotz der widrigen Umstände heute! Und: Die Besatzfische aus der französischen Population verhalten sich gemäß ihrem vorbestimmten Lebensrhythmus. Das ist sehr erfreulich. Noch besser: immer mehr geschlechtsreife Fische steigen in den Rhein auf. Im September 2013 wurden zudem erstmals junge Maifische über 100 km oberhalb des Besatzes gefunden, darunter ein abgelaichtes Weibchen. Das lässt – erstmals seit über 100 Jahren – auf eine natürliche Fortpflanzung von Maifischen im Rhein schließen. Das haben wir gefeiert!
Welche Rolle spielt der Aquazoo bei dem Projekt?
Bereits bevor das eigentliche Life-Maifischprojekt (http://ec.europa.eu/environment/life/) startete, unterstützte der Aquazoo das Maifisch-Projekt durch die Bereitstellung eines Büros. Die Geschäftsstelle des Projekts ist dort seit Januar 2007. Von Beginn an kooperierte der Aquazoo mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein Westfalen (www.lanuv.nrw.de), bot Plattform für die Öffentlichkeitsarbeit, unterstützte finanziell und durch Ausstellungen. Wir haben bis heute eine extrem fruchtbare Zusammenarbeit.
Wer unterstützt Sie noch?
Viele helfen, das Projekt möglich zu machen. Großen Spaß macht die Zusammenarbeit mit allen Partnern, die Enthusiasmus zeigen, wie das z. B. die französischen und holländischen Kollegen tun. Die Kooperation mit den Franzosen ist intensiv, denn sie liefern nach wie vor die Besatzfische – Larven aus der Gironde-Population.
Der Initiator des Projekts ist übrigens der Rheinische Fischereiverband, der das Projekt auch koordiniert. Unter den Unterstützern aus NRW, Hessen, Frankreich und den Niederlanden, ist zum Beispiel die HIT-Umweltstiftung zu nennen, die auch die Machbarkeitsstudie finanzierte, die als Grundlage für das Life-Projekt diente. Träger ist das LANUV NRW. Es ist eine große Chance, die wir mit diesem umfassenden internationalen Projekt haben und das motiviert mich sehr.
(Alle Partner und Unterstützer finden Sie hier: http://www.lanuv.nrw.de/alosa-alosa-2011/de/projekt/partner.html)
Wie wird die Situation in 10, 50 oder 100 Jahren sein?
Das ist leider reine Spekulation, denn es handelt sich hier ja um ein Pilotprojekt. Wir wissen schon eine Menge mehr als zu Projektbeginn – jedoch noch lange nicht alles. Aber hoffen dürfen wir schon:
1. Wir hoffen in diesem und dem nächsten Jahr bereits auf einige Tausend Maifisch Rückkehrer in den Rhein.
2. Wir hoffen, diese Rückkehrer beim Laichen beobachten zu können und auf Nachweise von mehr und mehr überlebenden und zum Meer abwandernden Jungfischen. Diese Fische sollten nach etwa 5 Jahren zum Laichen in den Rhein zurückkehren, wodurch der Bestand weiter wachsen sollte.
3. Wenn das alles so gelingt, wird es vielleicht schon in 20 Jahren einen sich selbsterhaltenden Bestand geben. Ob dieser so groß wird, dass wieder eine kommerzielle Nutzung möglich wird, muss abgewartet werden.
Wie können unsere Leser Sie unterstützen?
Die Finanzierung ist glücklicherweise noch bis 2015 gesichert. Danach ist das Projekt wahrscheinlich bei der Stiftung Wasserlauf (https://www.wasserlauf-nrw.de/) untergebracht, sie ist zuständig für alle Wanderfisch-Programme. Über diese Stiftung kann man uns dann sehr gerne unterstützen.
Herr Dr. Scharbert, danke für das Gespräch.

Ein Gedanke zu “Menschen im Aquazoo: heute Dr. Andreas Scharbert und das Maifisch-Projekt

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